• twitter.com/magazinusa
  • facebook.com/magazinusa
  • Besucht uns auch auf:
Diesen Artikel...
 

U.S. Originale

Lufthansa-Flottenchef Norbert Wölfle und die Boeing 747-400

Lokomotivführer oder Pilot, das sind oft genannte Antworten, wenn kleine Jungs nach ihren beruflichen Wünschen und Träumen gefragt werden. So war das auch bei Norbert Wölfle. Und die Sehnsucht des jungen Mannes wurde zusätzlich durch ein einschneidendes Ereignis verstärkt. Als der damals gerade mal 18-jährige Stuttgarter Abiturient mit seinem Vater auf den Stuttgarter Flughafen den ersten Überflug eines Lufthansa-Jumbo-Jets erleben konnte, reifte sein Wunsch zunehmend und wurde zum konkreten Ziel: „Das will ich auch machen“, sagte er kühn zu seinem Vater.

Und – er machte seinen Traum wahr. Zwei Jahre später (1971) ging der Junior auf die Lufthansa-Flugschule in Bremen. Heute ist Norbert Wölfle als Flottenchef Herr über 30 Jumbos und Leiter der gesamten interkontinentalen Langstreckenflotte bei Lufthansa.

40 Jahre ist der Jumbo inzwischen alt. Die 747 hat für Geschichten, Anekdoten und Erlebnisse gesorgt. Bei vielen Piloten ist die „Königin der Lüfte“ mit zahlreichen Emotionen behaftet. Norbert Wölfle geht es nicht anders. „Der Jumbo ist für mich die Krönung meiner fliegerischen Karriere. So schön wie er aussieht, so schön fliegt er auch. Er ist ausgereift und tadellos. Einfach einmalig“, schwärmt Wölfle über seinen „Wundervogel“.

Die Erinnerungen des 59-Jährigen in Bezug auf den Jumbojet sind fast ausschließlich positiv. Viele Highlights durfte er als Jumbo-Kapitän erleben. Ob Kanzler Helmut Kohl, Tennisstar Steffi Graf oder Showmaster Thomas Gottschalk, viele Personen des öffentlichen Lebens waren unter „seinen“ Passagieren. Besonders die etwas ungewöhnlichen Aufträge sind es, die Wölfle haften geblieben sind.

So die Überführungen von nagelneuen Flugzeugen von der Boeing-Produktionsstätte in Seattle über den Atlantik nach Deutschland.

Oder der Promotion-Rundflug anlässlich der Feier „Lufthansa fliegt 40 Jahre nach Südafrika“. „In 800 Meter Höhe durften wir bei brillantem Wetter über den Tafelberg und das Kap kreisen, das war ein Erlebnis, das man wirklich nicht missen möchte.“

Ähnlich ist das mit einem Rundflug, der im Jahr 2000 während der „Expo“ in Hannover stattfand. Ein extra zur Weltausstellung mit dem Expo-Emblem frisch lackierter Jumbo stand dazu bereit. Aber es kam zu einer unerwarteten Verspätung, weil für das Flugzeug keine Schleppfreigabe bestand. So mussten die Gäste am Gate auf den versprochenen Sonderflug warten. Zusammen mit dem ehemaligen Bereichsvorstand Thomas Sattelberger überbrückte Norbert Wölfle die Wartezeit und stellte sich vor die Gäste und erzählte ihnen spontan etwas über seinen Lieblingsflieger, den Jumbo-Jet.

„Niemand murrte wegen des verzögerten Abflugs“, erinnert sich Wölfle und fügt schmunzelnd hinzu, „Ich hatte den Eindruck, mancher Zuhörer wäre am liebsten am Boden geblieben, um noch mehr Details über den Jumbo zu erfahren.

Aber dann sind sie auch gern mit uns geflogen.“ Die Reise führte in einem großen Bogen über Norddeutschland und die Nordsee. Das bietet Lufthansa nicht alle Tage.

Der 2. Juli 2002 ist in Wölfles Jumbo-Erinnerungskalender ebenfalls dick markiert. Damals flog er die deutsche Fußball-Nationalmannschaft von der Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan als Vizeweltmeister zurück.

„Und ich war ihr Kapitän“, lacht Wölfle. Die Mannschaft und andere VIPs wie „Kaiser“ Franz Beckenbauer waren in guter Stimmung an Bord. „Jeder, der wollte, durfte uns im Cockpit besuchen, wir hatten open house“, erinnert sich Wölfle.

Die Pilotenkanzel glich denn auch eine zeitlang einem Taubenschlag – die National-Kicker schauten den Piloten über die Schulter und staunten. Und Kapitän Wölfle ergänzte seine Standard-Ansage für die Passagiere mit den Worten: „Ob Weltmeister oder Vizeweltmeister ist doch egal, wir sind stolz, Euch zu fliegen.“

Die Landung des Sonderflugs von Tokio nach Frankfurt wurde live im Fernsehen übertragen. Viele Fans nahmen die Völler-Elf am Flughafen begeistert in Empfang. Mit gemischten Gefühlen blickt Norbert Wölfle auf den 11. September 2001 zurück.

Es war der Tag des verheerenden Anschlags auf das World Trade Center, der die ganze Welt in einen Schockzustand versetzte. Und der deutsche Lufthanseat war als Kommandant einer Boeing 747-400 ausgerechnet auf dem Weg nach Nordamerika.

„Wir waren schon dreieinhalb Stunden in der Luft Richtung Washington, als wir im Funk mitbekamen, dass die Amerikaner sich aufgeregt über ein Unglück unterhielten.

Wir wussten noch nicht genau, was passiert war. Doch als wir wenig später hörten, was sich in New York und Washington ereignet hatte, stand für meinen Copiloten und mich fest, wir kehren um.“

Wölfle hielt Rücksprache mit der Lufthansa-Einsatzzentrale in Frankfurt und leitete das für derartige Situationen vorgeschriebene Wendemanöver über dem Atlantik ein.

„Nach acht Stunden waren wir wieder zurück. Das war mein längster Flug von Frankfurt nach Frankfurt. Ein Erlebnis, das man nie vergisst“, sagt Wölfle. Wie sich später herausstellte, war die Entscheidung zur Umkehr goldrichtig, viele andere Flugzeuge mussten umgeleitet werden. Allein 30 Großraumjets landeten in Kanada auf dafür nicht eingerichteten Flughäfen. Eine Woche saßen über 6 000 Passagiere dort in einem Ort mit weniger als 10 000 Einwohnern fest.

Der gebürtige Tübinger hat nicht nur auf der Boeing 747 viel Zeit in der Pilotenkanzel verbracht.

Seine Karriere begann auf der dreistrahligen Boeing 727, dann folgte für drei Jahre der Einsatz auf der Langstrecken-Boeing 707, ehe Wölfle zehn Jahre mit der Douglas DC 10 als Kopilot unterwegs war. Als Kapitän flog Norbert Wölfle dann das Mittelstreckenflugzeug Boeing 737 und das nicht nur im täglichen Liniendienst. 30 Mal holte er für Lufthansa vom Werk in den USA nagelneue Flugzeuge ab. Die Maschinen mussten für diese Überführungsflüge speziell ausgerüstet werden und mehrere Zwischenlandungen einlegen. Manchmal waren bei diesen Abnahmeflügen noch nicht einmal Sitze an Bord – außer für Piloten und Techniker natürlich.

1990 kamen für den Schwaben Aufgaben im Management hinzu. „Nach elf Jahren 737 wurde ich dann gefragt, ob ich Abteilungsleiter auf dem Jumbo sein möchte“, erzählt Wölfle. Die Antwort war eindeutig. „Natürlich wollte ich.“ Ein Jahr später, im Dezember 1998, wurde er dann Lufthansa-Flottenchef. Heute hat Wölfle 18 000 Flugstunden auf dem Buckel, 4 000 davon auf dem Jumbo. Es könnten mehr sein, doch seine zahlreichen Aufgaben im Management lassen das Fliegen nicht mehr so oft wie früher zu. 1 700 Piloten und fast hundert Flugzeuge gehören schließlich zur Langstreckenflotte – da gibt es für den Boss auch am Schreibtisch jede Menge zu tun. Aktuell geht es um den neuesten Boeing-Jumbo, die 747-8I. Als Flottenchef bereitet er nun die Einführung des neuen Jumbos im Konzern vor. Wölfle stellt sich gerne und mit Begeisterung neuen Herausforderungen.

Für ein Promotion-Event der Firma Porsche hat er es zusammen mit Lufthansa-Mitarbeitern und Luftfahrt-Kollegen in Mexiko mal geschafft, erstmals einen Jumbo am vergleichsweise kleinen Flughafen San Josè del Cabo in Baja California landen zu lassen.

„Da landen sonst nur ‚kleine‘ Boeing 737 und Privatflugzeuge. Dass wir das logistisch hinbekommen haben, das war ne tolle Sache.“ 38 Jahre Lufthansa – Norbert Wölfle hat viel zu erzählen und bekennt, „immer gerne in der Luftfahrt gearbeitet zu haben“.

Aber er weiß auch, dass sich seine Laufbahn langsam dem Ende zuneigt. „Gut ein Jahr noch, das Verfallsdatum ist in Sicht“, lacht er. Gibt es dennoch einen Traum als Kapitän?

„Klar, die A380 würde mich natürlich reizen, aber das ist nicht mehr realistisch. Als Pilot ist man sowieso irgendwann festgelegt. Und bei mir ist es die Boeing.“

Nach dem Abschied von der Fliegerei wir sich der Lufthansa-Flottenchef mehr Zeit für irdische Aktivitäten nehmen und seinem Hobby, Bergwandern, nachgehen. Denn wie es sich für einen Piloten mit Leib und Seele geziemt, zieht es Norbert Wölfle auch privat nach oben, auf die Höhen der Berge.

Die Jumbos fliegen dann über ihm.

.
 
 
Flugkapitän und Flotten Chef der 747-400 Norbert Wölfle
Flugkapitän und Flotten Chef der 747-400 Norbert Wölfle

Start einer Boeing 747
Start einer Boeing 747

   
.
 

Document Information
Sources: Text/Bilder: Lufthansa; magazinUSA.com
copyright ©2000-2018 DENALImultimedia LLC; magazinUSA.com sowie Eigentümer. Alle Rechte vorbehalten.
Durch Nutzung dieser Website erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen an, siehe:
:Terms, Disclaimer, Privacy, Datenschutz.

Besucht uns auch auf:
  • twitter.com/magazinusa
  • facebook.com/magazinusa